Marcella Maier – lebende Engadiner Legende

1. Februar 2010 von Heini Hofmann

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Eine Pionierin aus den Bergen
Ihre hellwachen Augen funkeln aus furchigem, von der Engadiner Sonne gebräunten und von einem reichen Leben geprägten, viel Wärme und Herzlichkeit ausstrahlenden Gesicht, und ein sympathisches, fast etwas verschmitztes Lächeln huscht um ihre Lippen, wenn die St. Moritzer Ehrenbürgerin Marcella Maier-Kühne aus alten Zeiten erzählt.

Noch litt, im Jahre 1920, Europa unter den Folgen des Ersten Weltkriegs, doch allenthalben erwachte neuer Lebenswille. So freute sich auch das Engadin über die wiederkehrenden Feriengäste. In solch hoffnungsvoller Zeit kam – kurz nach Weihnachten, am 28. Dezember – Marcella Hadwiga als Tochter von Nina und Diethelm Kühne-Roedel zur Welt.

Präzis an diesem Tag kündete die Lokalzeitung im Rahmen des traditionellen Weihnachts-Skispringens eine Abendunterhaltung an, in deren Themenmix auch Frauenemanzipation figurierte – fast symbolisch für die kleine Marcella, die später anspruchsvolle Wege gehen sollte!

Als Naturlego noch Trumpf war
Ein naher Bach, der Wald und eine benachbarte Fuhrhalterei mit stattlichen Pferden oder im Winter die Schlittelwege direkt vor dem Haus boten kreativen Spielraum für sie und ihre Geschwister. Damals war noch Naturlego angesagt: Mit Steinen bauten sie im Bachbett Staumauern, und aus Ästen, Reisig und Arvenzapfen entstanden Ställe. Marcella war ein aufgestelltes, temperamentvolles Kind. Nur ihre roten Haare machten ihr zu schaffen; denn was heute in ist, wurde damals gegretelt.

Doch das kleine Mädchen war voll Wissbegierde und lernte schon vor Schuleintritt lesen. Ihre Aufsätze gerieten meist derart lang, dass die Lehrer beim Korrigieren Nachtschicht einlegen mussten… Die Klassengemeinschaft war ihr wichtig, und weil ihr das Lernen leicht fiel, half sie jenen Mitschülern, die Mühe hatten. Solche Hilfsbereitschaft wussten die Buben schlitzohrig zu nutzen. Gab es viele Hausaufgaben, stifteten sie Marcella zum Weinen an, weil sie wussten, dass diese – ein schauspielerisches Talent – aus dem Stand herzzerreissend losheulen konnte…
Eigentlich wäre Marcella nach Schulschluss allzu gern in eine höhere Mittelschule gegangen; eine solche fehlte aber noch im Engadin, und für Chur reichte das Geld nicht. Also wählte sie den Weg über die kaufmännische Schule, die sie mit Bravour bestand. Es folgte ein arbeitsreiches Welschlandjahr als Au-pair-Mädchen in Genf.

Frauenpower und «schwarzer» Reis
Ein Englandaufenthalt fiel wegen der kritischen Weltlage ins Wasser. Also entschied sie sich, in Sondrio ihre Italienischkenntnisse zu verbessern. Doch bald schon musste sie die Zelte abbrechen, weil die Grenzen geschlossen wurden. Da ihr Vater, wie viele andere, die Arbeit verloren hatte, hiess es fortan, zu Hause Hand anlegen.
Weil die Männer im Militärdienst waren, mussten die Frauen doppelt anpacken. Nach erfülltem Tagwerk sassen sie noch zusammen, um Suchmeldungen des Roten Kreuzes zu bearbeiten. Da wurde auch geplaudert und gesungen. Die schweren Zeiten brachten die Menschen näher zusammen. Das Mitmachen im Land- und Frauenhilfsdienst war eine Selbstverständlichkeit. 1944 erhielt Marcella zum Glück die Stelle als Sekretärin des Kurdirektors von St. Moritz, was ihr ermöglichte, ihres Bruders Ausbildung finanziell zu unterstützen.
Die knappe Freizeit nutzte sie für Bergtouren: mühsame (dafür billige) Aufstiege mit Fellen und stiebende Tiefschneeabfahrten. Hier lernte sie Schreiner Duri Maier kennen. Zum Hochzeitsessen im Mai 1947 gab es endlich wieder mal Reis, allerdings «schwarzen» (weil über den Murettopass geschmuggelten). Ihrem Mann, der sich nun eine eigene Schreinerei aufbaute, besorgte sie mit Umsicht das Büro, und ihren vier Töchtern riet die fürsorgliche Mutter: Lasst euch aufs Leben ein! Diese Denkart lebte sie ihnen täglich vor.

Journalistin und Publizistin
Marcella Maiers heimliche Liebe war schon immer das Schreiben. Bereits im Kurverein hatte sie journalistische Aufgaben übernommen und war so mit vielen Redaktionen in Kontakt gekommen, der nie mehr abbrach. Aber sie war nicht nur Journalistin, sondern auch Publizistin. So verfasste sie – selber oder als Koautorin – Bücher, arbeitete für namhafte Zeitschriften, schrieb Gedichte und Novellen, machte Übersetzungen vom Rätoromanischen ins Deutsche, hielt Vorträge und las am Radio.

Auch im Gemeinwesen übernahm sie Verantwortung: 1972 wurde sie – als erste Frau notabene! – in den Gemeinderat von St. Moritz gewählt, und 1981 gar in den Bündner Grossen Rat. Nicht umsonst ist die St. Moritzer Ehrenbürgerin und Kulturförderin heute eine professionelle Gesprächspartnerin: Im Journalismus lernte sie Fragen stellen, in der Politik Antworten geben.

Das grüne Seidentuch
Unzählige Bekanntschaften hat sie gemacht, so mit den 62 Gspönli der 1. Klasse und dem tollen Lehrer und Lyriker Artur Caflisch und all den Hotelierskindern, von denen sie manchmal «in die andere Welt» eingeladen wurde, aber auch mit vielen Berühmtheiten unter den Kurgästen wie ein Hans Albers oder Hermann Hesse, der gern auf ein Schwätzchen im Kurverein vorbeikam.
Die noch immer aktive Allrounderin kann jetzt auf ein Frauenleben zurückblicken, das just in jene Zeit fiel, als mehr möglich wurde. Ein liberaler Vater, der die Töchter dem Sohn gleichstellte und ein sie motivierender Gatte waren die Wegbereiter. Ihre Grossmutter (die erste Hebamme des Engadins) und ihre Mutter (die erste Frau im Kurverein) waren die Vorbilder.

So wie das Spinnrad ihrer Urgrossmutter, hält Marcella Maier auch das über 200jährige grüne Seidentuch in Ehren, das ihre Ahninnen über Generationen weitergaben und das ihrem Bestseller den Titel verlieh – eine Familiensaga, eingebettet in die Entwicklung des Engadins, feinfühlig nachempfunden von einer grossartigen Erzählerin, die heute selber eine lebende Legende ist.

(Bilder: zvg)

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Ein Kommentar zum Artikel “Marcella Maier – lebende Engadiner Legende”

  1. ein Oesterreicher Says:

    Sehr bemerkenswerter Mensch und Lady !!

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