125 Jahre Cresta Run St. Moritz
Die zweitgrösste Eisskulptur der Welt
Skeleton und St. Moritz sind Zwillingsbegriffe; denn diese einzigartige und temporeiche Sportdisziplin hat ihren Ursprung im Engadin. «Skeleton Riding down the Cresta Run» war die erste durchreglementierte alpine Wintersportart überhaupt, und der «St. Moritz Tobogganing Club» wurde bald einmal zum Mythos.
Damit Neues entsteht, bedarf es günstiger Umstände. Solch fruchtbaren Nährboden bot das Weltdorf St. Moritz im schönen Engadin mit seiner exklusiven Kulturgeschichte: über 3000 Jahre bekannte Heilquellen und eine Bädertradition seit Jahrhunderten, dann Begründung der alpinen Luxushotellerie Mitte 19. Jahrhundert durch Hotelpionier Johannes Badrutt, der zudem mit britischen Gästen die Wintersaison «erfand».
Diese wiederum legte den Grundstein für die Entwicklung diverser Wintersportarten. Schneesicherheit, Traumlandschaft und strahlende Sonne waren die natürlichen Zusatzingredienzien dieser Erfolgsgeschichte, in welcher dem Skeletonsport die Rolle des aufgehenden Sterns zukam, als er in den frühen 1880er-Jahren in St. Moritz Fuss fasste.
Von Null auf Hundert
Biedere Kutschen- und Schlittenfahrten konnten für die erwachende Wintersport-Fangemeinde der letzte Kick nicht sein. Skilaufen steckte noch in den Kinderschuhen (das erste Skirennen sollte erst 1893 stattfinden). Also mussten neue Attraktionen her: Die Hoteliers präparierten Eisbahnen, die Schotten brachten ihre Curling-Steine und die Briten flitzten mit ihren Schlitten über die Dorfstrassen. Die Idee des Skeletonsports war geboren.
Nun ging es sehr schnell: Im Winter 1884/85 wurde erstmals der Cresta Run gebaut und war fortan, neben dem benachbarten Olympia Bob Run, die «zweitgrösste Eisskulptur der Welt». Im gleichen Winter hob man auch den entsprechenden Sportclub aus der Taufe, der jedoch nicht simpel den Begriff Skeleton im Namen führt, sondern sich bewusst exklusiv und extravagant St. Moritz Tobogganing Club (SMTC) nennt.
Cresta Riding war dann – man staune! – während Jahrzehnten nicht nur die spektakulärste, sondern auch die schnellste Art menschlicher Fortbewegung. Traditionell wird der Run bei jedem Winterbeginn mit den Ingredienzien Schnee, Wasser und Kälte neu gebaut. Da diese Sportart immer nur auf diesem einen Run ausgetragen wurde, kamen die Schlüsselrennen beinahe einer Art Weltmeisterschaft gleich. 1928 und 1948 kam Cresta-Skeleton sogar erstmals zu Olympiaehren. Doch der Reihe nach!
Toboggan – Skelett – Skeleton
Wer hätte das vermutet: Der Ursprung des Skeletonschlittens führt zu den Indianern Nordamerikas. Diese bauten für ihre Warentransporte in schneereichen Wintern aus einem Skelett (engl. Skeleton) von Birkenästen, verbunden durch grosse Rindenstücke, einen Transportschlitten, der am vorderen Ende nach oben gebogen war und den sie Toboggan nannten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden solche Schlitten im Norden Amerikas, in Kanada und Russland zu Freizeit-Sportgeräten umfunktioniert.
Anfänglich schlittelte man dort auf den Strassen (so auf der grossen Avenue in St. Petersburg) oder durch eine an einem Hang präparierte, schnurgerade Schlittelrinne, die auch mehrspurig sein konnte (wie am Tuque Bleue Multiple Chute in Montreal). Auch in St. Moritz hatte der Schlittelsport zuerst auf der Dorfstrasse hinunter nach St. Moritz Bad oder Celerina begonnen (was nach Aufhebung des Automobilverbotes in Graubünden 1926 dann nicht mehr möglich war). Es entstanden aber auch Schneebahnen; so führten vom Kulm-Hotel bis zu deren sechs hinunter auf den gefrorenen St. Moritzer See.
Und weil sportliche Aktivitäten zu Wettbewerb animieren, entwickelte sich aus dem Freizeitvergnügen bald einmal ein ehrgeiziger Sport. Das Freizeitgerät indianischen Ursprungs mutierte zum Rennschlitten: Mann gegen Mann, Schlitten gegen Schlitten, waghalsige Schussfahrten gegen die Uhr. Doch dafür benötigte man einen Eiskanal.
A very British Club
Ganze neun Wochen dauerte die Bauzeit des ersten Cresta Run, der Mitte Januar 1885 fertiggestellt wurde. Das allererste Rennen war ein Wettbewerb gegen Tobogganing-Freunde aus Davos. Und obschon ein «Davoser», der Australier Austin, gewann, war man in St. Moritz, wo fast die ganze Dorfbevölkerung dem Event beiwohnte, überzeugt, dass Skeleton eine grosse Zukunft haben werde. Wie sehr sich dieses Gefühl später bewahrheiten sollte!
Anfänglich gehörten fast ausschliesslich Engländer und Amerikaner dem St. Moritz Tobogganing Club an. In den Nachkriegsjahren begann er sich zu öffnen, und heute stammt ein grosser Teil der Mitglieder aus Kontinentaleuropa und der Schweiz. Etwas jedoch hat sich nicht verändert: die Klubsprache ist nach wie vor Englisch. Nur gerade die Lautsprecherdurchsage für die Mittagspause erfolg auf Italienisch: Terminato (beendet). Dies deshalb, weil das Cresta Run-Bahnpersonal – alles Spezialisten aus dem Veltlin – dann sofort mit Ausbesserungsarbeiten beginnen muss.
Only Lords, no Ladies: Bis 1926 waren zwar Damen zugelassen, doch dann wurde Cresta-Skeleton reine Männersache, wie an der Eingangstüre unverkennbar: «Riders only, ladies not admitted». Doch eine Ausnahme gibt’s, so viel Noblesse muss sein: Der Ladies’ Day am letzten Tag der Saison… Der Tobogganing Club ist vom 22. Dezember bis Beginn März geöffnet. Obschon privat, steht er auch Skeleton-begeisterten Nichtmitgliedern offen. Gegen Entgelt kommen sie auf die Supplementary List. Während dieser temporären Mitgliedschaft haben sie Anrecht auf drei Rides. Einheimische können zudem am Locals’ Day ihren Mut beweisen.
Bäuchlings ins Abenteuer
Der Skeletonschlitten, auf dem Cresta Run Toboggan genannt, ist zwar indianischer Abstammung, aber heute ein Hightech-Sportgerät. Er besteht aus einem massiven Stahlgerippe mit zwei Kufen, einer seitlich hochgezogenen starren Wanne mit Haltebügel sowie vorderen und hinteren seitlichen Prallbügeln. Jedoch: Er hat weder Bremsen noch eine Lenkung. Der Antrieb ist die Schubkraft des Fahrers.
Während man anfänglich noch in sitzender Position fuhr, wagte bereits 1887 der erste Athlet die Fahrt liegend und kopfvoran, was fortan die einzigartige Fahrweise im Skeleton bleiben sollte. Gestartet wird im Stehen, dann nach kurzem Anlauf auf den Schlitten gehechtet – und schon geht’s bäuchlings (im Gegensatz zur Rückenlage beim Rodeln) in wilder Fahrt dem Ziel entgegen.
Der schnellste Weg von St. Moritz nach Celerina führt über den Cresta Run: Distanz 1212 m, Höhenunterschied 157 m, Durchschnittsgeschwindigkeit 90 km/h, Spitzengeschwindigkeit bis 135 km/h, Fahrzeit unter 55 Sekunden. Der Brite James Sunley fuhr 1999 gar einen Streckenrekord von 50,09 Sekunden. Nach dem Zielschuss muss bei über 130 Stundenkilometern innerhalb von 200 Metern nach der Ziellinie gebremst werden, und schliesslich bringt eine Schaumstoffmatte den Skeleton zum Stehen.
Dosierter Wagemut
Die Strecke weist zwei Startpunkte auf: Top Hut (volle Bahnlänge) und Junction (um einen Drittel verkürzt). Anfänger dürfen nur hier unten starten und müssen sich für Top zuerst qualifizieren. Dass zwei Drittel aller Neulinge dies nicht schaffen, belegt, dass der Cresta Run nichts für Warmduscher und Schwachsalzer ist. Hier sind kontrollierter Mut und dosiertes Draufgängertum gefragt, um die zehn happigen Kurven, die furchteinflössende Namen wie etwa jener der beiden Höllenhunde Scylla und Charybdis tragen, erfolgreich meistern zu können.
Die berüchtigste aller Kurven heisst Shuttlecock; sie dient sozusagen als Sicherheitsventil oder Sollbruchstelle. Zu schnelle und zu wenig kontrollierte Gefährte werden hier von der Fliehkraft gnadenlos aus der Bahn geworfen, damit sie ja nicht in den noch gefährlicheren unteren Streckenabschnitt vordringen. Natürlich ist diese Ausflugzone tüchtig mit Strohballen gesichert. Rider, die hier unsanft landen, werden zum Trost in den Shuttlecock Club aufgenommen und erhalten eine blaue Krawatte mit einem Federball. Es geht das Gerücht, dass praktisch alle Members eine solche Halsbinde besitzen…
Die Skeleton-Saison in St. Moritz beginnt vor Weihnachten und endet anfangs März. Die herausragenden unter den dreissig hier zur Austragung gelangenden Rennen sind: Grand National (= der älteste heute noch durchgeführte Wettbewerb), Curzon Cup, Heaten Gold Cup, Hans Badrutt Challenge Cup, Brabazon Cup, Gunter Sachs Challenge Cup, das einzige Rennen mit Streichresultat (was zu besonderer Waghalsigkeit animiert) und bekannt wegen der Goldbuttons, den Blazerknöpfen, die jene Fahrer erhalten, die ins erste halbe Dutzend fahren, und der Rolf Sachs Challenge Cup, ein Nachtrennen mit Fackellicht; hier erhalten die drei Erstplatzierten schwarze Knöpfe.
Promotoren und Siegfahrer
Mit der Skeleton-Erfolgsgeschichte sind zwangsläufig auch Namen von Promotoren, Siegfahrern und elitären VIPs verbunden. Ein grosser Förderer beim Bau des Cresta Run war Kulm-Hotelier Peter Badrutt, Sohn des legendären Wintersaison-«Erfinders» Johannes Badrutt; er und Major W. H. Bulpett realisierten mit einigen Verschworenen den ersten Eiskanal vom «Schiefen Turm» in St. Moritz hinunter nach Celerina.
Nicht nur als erfolgreichster Cresta Rider aller Zeiten, sondern als Cresta-Legende schlechthin gilt Nino Bibbia. Über ein halbes Jahrhundert hat er den St. Moritz Cresta Run dominiert und diese neue Sportart popularisiert wie kein Zweiter. Er feierte Siege in Serie und holte 1948 Olympia-Gold. Fünfzig Jahre später (!) egalisierte er diese Spitzenzeit nochmals.
Der jüngste Siegfahrer in der Cresta-Geschichte war der St. Moritzer Marcel Melcher; er gewann die prestigeträchtige Grand National – mit bloss 19 Jahren!
Sports, Spirits und Sonny Bar
Skeleton ist mehr als nur Sport. Adolf Ogi nannte es sogar Kultur. Denn neben dem Wettkampf spielen Tradition, Freundschaft und Social Life eine grosse Rolle. Heiliger Hort dieser Geisteshaltung ist – an exklusiver Lage unterhalb der Hotelhalle des Kulm, mit Panoramablick auf den St. Moritzer See – die legendäre Sonny Bar mit ihren erinnerungsträchtigen Fotowänden.
Hier gehen die Preisverleihungen über die Bühne mit den obligaten Gruppenfotos, Pokal in der einen und Champagnerflasche in der anderen Hand, hier wird gespiesen und gefeiert. Und was für denkwürdige Feste! Sonny Bar = Après-Skeleton! «Hier geht es nicht um den Sport», meint Komiteemitglied Rolf Sachs, «hier geht es um den Geist. Es gibt wenig Räume, die so viel erlebt haben an Lebensfreude, an Enthusiasmus, an Originalität».
Ein Name unter den Nichtengländern ist mit dem Cresta Run und Tobogganing Club ganz besonders verbunden. Vor einem halben Jahrhundert hatte Gunter Sachs, der Industriellenerbe, Fotograf, Dokumentarfilmer, Kunstsammler, Astrologieforscher, (damals) Gentleman-Playboy und Bewohner des exklusiven Palace Hotel-Turms, mit diesem Sport angefangen als einer der ersten «Einheimischen». Sein Sohn, Rolf Sachs und bereits auch dessen beiden Söhne, haben die Leidenschaft geerbt und pflegen sie weiter.
Höchst positive Bilanz
Kurz: Der Cresta Run und seine unvergleichliche Aura, die er dem überaus aktiven, traditionsbewussten, kameradschaftlichen und engagierten Sport- und Clubleben verdankt, haben viel dazu beigetragen, St. Moritz unter den Wintersportdestinationen einzigartig und unverwechselbar zu machen. Gäbe es Tobogganing nicht, man müsste es erfinden!
Noch bis in die jüngste Zeit war das Cresta-Phänomen die Hefe im Teig, wenn es in St. Moritz darum ging, innovative Events auf die Beine zu stellen oder britisch orientierte Vereinigungen zu pushen – wie etwa den St. Moritz Polo Club, den St. Moritz Cricket Club oder das British Classic Car Meeting. Echte Sportkultur scheint es in sich zu haben!

















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